Warum ärgern wir uns?

Das ist eine gute Frage. Manchmal wissen wir gar nicht warum wir uns überhaupt ärgern. Ist Ärgern ein Automatismus? Sind wir gefangen in einer Routine und wenn etwas diese Routine durchkreuzt, kann sich dieses Ärgernis etwa in eine brennende Lunte für unser Pulverfass verwandeln? Das Pulverfass welches ich meine, ist das was der Tag, die Woche oder die Jahre der Lebenszeit mit allem Unbequemen, allem Ungerechtem, allem miesen Mist der uns widerfahren ist angehäuft hat.

Es geht aber auch anders. Neulich an der Tankstelle da dachte ich, ich bin in einem falschen Film? Das war nicht der Film den ich erwartet hätte. Der Film in dem mindestens ein Darsteller die Rolle des Ekels spielt, wenigstens einer für den man sich fremdschämen kann. Er fehlte oder er verschwand vor seinem großen Auftritt in die Dunkelheit der Großstadt, ganz stumm nicht einmal einen kleinen Seufzer konnte man vernehmen.

Stell dir vor, alle stehen in einer Schlange und keiner meckert. Ein Traum, eine Zeitweise, wie zu DDR-Tagen in denen Warten eine Tugend war die man von klein auf gelernt hatte.

Und nun das Hauptprogramm: Es war ein Sonnabend, der  außerhalb dieser ehemals teilummauerten Stadt auch als Samstag bekannt ist. Da das Ganze aber in dem ehemals nicht ummauertem Bereich passierte, passt hier der Sonnabend als Beschreibung des Tages und seiner besonderen und entspannten Atmosphäre besser.

Wir hatten unseren Tank beim Familienbesuch in Berlin fast leer gefahren. So führte uns das Schicksal an eine Star Tankstelle. Wenn ich es so recht bedenke passt der Name der Tankstelle hervorragend zur Situation der himmlischen Ruhe die ich dort sogleich erleben durfte. Bei der Ankunft gab es gleich einen Eklat zwischen meiner Fahrerin und mir. Wir standen an einer Zapfsäule, die noch nicht bezahlt und freigegeben war. Da meine Fahrerin nicht an eine andere Zapfsäule fahren mochte sollte ich doch das Personal fragen ob sie die Zapfsäule nicht freischalten können, weil hier offensichtlich etwas nicht stimmen konnte. Also begab ich mich in den provisorischen Container der wegen irgendetwas was mich nicht interessierte hier stand. Ich reimte mir etwas zusammen, dass die große Einkaufshalle der Tankstelle wegen Umbauarbeiten geschlossen war. Genau weiß ich es heute auch nicht und es tut auch nur etwas zur Sache, dass die Vorstellung in diesem kleinen Container, so groß wie man ihn ab und an auf einem LKW oder Schiff sieht statt fand.

1. Akt – Der Ereignishorizont

Ich betrat den Container und das Erste was ich vernahm war der Ruf der Kassiererin, dass es etwas dauern wird. Mein erster Gedanke war, okay dann darf sich meine Fahrerin noch etwas Zeit nehmen und sie darf sich an einer anderen Zapfsäule versuchen. Ich drehte mich um und verließ die Enge in diesem Container, dabei sollte es doch gleich noch viel voller werden als diese Enge die mit 3 Menschen in diesem Container schon fast unangenehm für mich als Speckgürtelbewohnerin war. Unser Auto stand schon an einer anderen Zapfsäule. Meine Äußerung das es etwas länger dauern wird, wurde ohne eine Miene zu verziehen vernommen und ich merkte mir noch schnell die Nummer der Zapfsäule. Ich war noch immer, ich sage mal im Zeitsparmodus, in dem der Mensch einfach nur funktioniert und kaum klar denken kann. Also ging es wieder ab in den Container. Die Schlange hatte sich in der kurzen Zwischenzeit von 1 auf 2 verdoppelt und mir waren nun zu dritt in der Schlange. Wieder kam der Ruf der Kassiererin, dass es etwas länger dauern wird. Ich dachte mir oh Gott, unter welchem Stress steht diese arme Frau. Bis wir das Maximum der vorstellbaren Aufnahmekapazität in dieser Enge austesten konnten, erhöhte sich die Anzahl der wartenden Kunden auf 5 plus der zur Hilfe kommenden mehrmals ein und ausgehenden Kollegin, die das Dilemma mit der Kasse zu lösen zu versuchte. Ich höre also noch zwei weitere Male, dass es etwas länger dauern wird.

2. Akt – Ein Stern wird verschluckt

Der Kunde vor mir wollte offensichtlich nur seine einzelne Cola Dose, die nicht aussah wie eine Cola Dose, vermutlich weil sie mit irgendetwas alkoholischem versetzt war, zu bezahlen und schleunigst aus dem Wirkungsbereiches dieses schwarzen Loches, dass uns alle fest hielt zu entschwinden. Diese schwarze Loch, dass damit drohte uns in einem Zeitraffer aufgenommenem bis in alle Ewigkeit auf das Funktionieren einer elektronischen Kasse wartend festzuhalten. Bis in alle Ewigkeit würden wir von außen betrachtet bis ans Ende der Zeit in diesem Container wartend, steif uns starr gefrohren vom Einfrieren der Zeit in diesem Container an einer Tankstelle die an einer Hauptstraße liegt, die wiederum zur Autobahn in die Freiheit führt. Nicht einmal das Ende des Universums würden wir mitbekommen und wir wären die letzten Zeugen von all dem was einmal existierte. –  Doch es kam anders, schließlich wurde ich ja befreit. Doch bevor es dazu kam, war dieser Mann mit der Coladose vor seinem großen Durchbruch an der Reihe. Dieser Messias, der sein Kreuz, die Coladose, besser und mit mehr Würde als jeder andere trug, wurde sichtlich nervös. So nahm es ihm die stumme Menge nicht krumm, dass er doch versuchte sein Verschwinden in die Nacht zu beschleunigen, in dem er seine Coladose auf den kleinen Verkaufstresen stellte und das Geld dazulegte. Ja es hätte so schön für ihn werden können, stolz wäre er mit seinem Mixgetränk aus dieser Hölle des Wartens entschwunden und glücklich wäre er gewesen, glücklich es überstanden zu haben. Leider verließ ihn die Geduld, es half auch nicht das Wiederholen des Hinstellens seiner Begierde und das sichtliche bezahlen wollen in seiner perfekten pantomimischen Darstellung. Er war ohne jeden Zweifel der Star den jeder vernahm, schließlich waren alle Wartenden Kunden für diese Showeinlage mehr als dankbar. Verging durch sie doch die zäh tropfende Zeit, wie wir sie von einem Gemälde Dalis kennen etwas schneller, als der Honig vollständig von einem Löffel geronnen wäre. Unser aller Star an dieser Tankstelle mit seinem Namen stellte genauso stumm seine Coladose zurück, wie er seine Darstellung absolviert hatte und nahm sein Geld in die Hand. Er verschwand auch genau so lautlos in die Nacht, die ihn sofort verschluckte. Er konnte sich wie durch Zauberkraft diesem magischen Ort entziehen konnte, in dem er von seiner Begierde Abschied nahm. Ich konnte nur vermuten, dass dieser grandiose Auftritt den Gott der Kassensysteme gnädig stimmte, denn wenige Augenblicke nach dem Verschwinden unseres Stars erschien ein Engel mit einer neuen Kasse. Wir wurden befreit und wir waren zwischenzeitlich alle samt die Zenmeister des Schweigens geworden. Niemand hatte bis dahin auch nur ein einziges Wort gesagt, kein Stöhnen oder Seufzen gelangte an die Luft. Selbige war durchtränkt, ja sie erschien uns schwitzend nass von dem Verständnis, dass es sich hier um ein technisches Problem handelt, dass nur ein Engel lösen konnte.

3. Akt – Alles weitere ist nur noch Sternenstaub

Ohne einen lauten Knall löste sich die angespannte Atmosphäre auf. Sie war wie ein Bild eines verdampften Sterns, von dem nur noch Gase durch den Raum wabern. Was war nur aus ihm geworden, unserem Helden. Wir werden es nie erfahren und doch leben wir von seinen Spuren. Wir fuhren in die Nacht, aus dieser Stadt hinaus, die uns eine ihrer Geschichten erzählt hatte. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann. Eine Geschichte wie von einem anderen Stern. Eine Geschichte wie ich sie zuletzt in meiner Jugend erlebt hatte, in der sich niemand beschwert, wenn er mal 15 Minuten in der Schlange steht. Heute ja eine schiere Frechheit, die sich der gefühlte Durchschnittswartende ohne murren kaum vorstellen kann. War ich da wie in einem Spiegel der Zeit starrend in eine Geschichte geraten, die mich erinnern ließ, wie schön es ist sich nicht zu ärgern? Und so schließt sich der Vorhang dieser kleinen aber wahren Geschichte des Alltags an einem Sonnabend. Im wahrsten Sinne diese Wortes.